Geschichte der scholle47
Alles begann 2019 mit einem Abschied, der zu einem Doppelpunkt wurde. Es war ein Abschied von einem Traum, von einem Grundstück und Quartier, von jahrelanger Arbeit, von einigem Geld und vor allem von anderen Projektmitgliedern. Nach dem Abschied, der Aufarbeitung und Trauer war allerdings nicht Schluss. Was den Neustart ausmachte, war eine Gruppe von 10 Erwachsenen und der eindeutige Wunsch gemeinsam als Gruppe zusammen wohnen zu wollen.
Neue Grundstücke wurden gesucht, besichtigt und abgewogen. Es wurde sich umgehört und durch Bremen geradelt. Immer mit dem Wunsch einen passenden Ort zu finden, an dem möglichst bald gemeinschaftliches Wohnen möglich sein sollte. Wir schauten uns mögliche Grundstücke in Huckelriede, Walle und der Überseestadt an. Kurz prüften wir, ob wir ein gescheitertes Projekt in der Neustadt übernehmen könnten. Bei allem war deutlich, dass es einige Vorteile gab. Aber die Nachteile überwogen oder der „Funkenflug“ blieb aus.
Plötzlich tauchte das gerade entstehende Quartier Ellener Hof auf unserem Radar auf. Es wird in Fahrradquartier, mit vielen sozialen Projekten auf dem Gelände, nachhaltige Holzbauweise, weitere Wohnprojekte in unmittelbarer Nachbarschaft, die Bremer Heimstiftung als Gegenüber, die offen für Weiterentwicklungsidee ist, uns gerne wollte und Grundstücke in Erbpacht vergab. Diese Rahmenbedingungen waren ein Traum. Aber die Lage war eine Riesenherausforderung. JWD war das Gefühl. Außerhalb des Viertels, des Lebens, der eigenen Komfortzone wie soziale Kontakte, Parzelle. Das war für die ersten Projektmitglieder ein K.O.-Kriterium. 9 km weiter als der Hulsberg gewesen wäre. Die Gruppe war hin und hergerissen.
Argumente für die Lage wurden gesucht. Das nahe Grün des Osterholzer Friedhofes, des Achterndieksees, Oberneulands wurde schnell gefunden und auch von den Hundefreunden positiv bewertet. Die kulturellen Angebote mit der Kulturambulanz und der Kulturaula waren verlockend. Die Anbindung im öffentlichen Nahverkehr und die gute Infrastruktur der Nachbarschaft wurden zu guten Pro-Argumenten. Grüne Radlerstrecken aus dem Viertel wurden erkundet und mehrheitlich für gut befunden. Dennoch bleib der Standort gefühlt schwierig.
Dennoch begannen wir mit der Planung. Das Grundstück 47 auf dem Baufeld 5 wurde von der Gruppe auserkoren und ein Vorpachtvertrag abgeschlossen. Die Entscheidung zu einem Architekten-duo fiel. Die Arbeit zu Verträgen und konkreten Hausplanungen startete. Aber immer noch fühlte es sich an, als arbeiteten wir mit angezogener Handbremse. Ein deutliches Wort unseres Architekten machte dies deutlich. „Es macht nur Sinn weiter zu machen, wenn Sie wirklich auf den Ellener Hof wollen.“ Dutzendfach wurde auf das Gelände geradelt, gepilgert, gefahren. Die Bäume wurden besucht und das Grundstück gefühlt. Neue Bilder entstanden. Eine Verbindung wurde geschaffen. Das Gelände ‚zähmte‘ alle, frei nach dem kleinen Prinzen. Eine Bindung entstand. Ein klares JA von allen war da. Jetzt fühlte es sich rund an.
Nun sollte das Projekt noch einen Namen haben, denn ein Namensteil des ehemaligen Projektes passte für einige Mitglieder nicht mehr. Wir nahmen uns an einem Klausurwochenende mit Unterstützung von Wiebke anderthalb Tage Zeit für die Namenssuche. Ihre vielen Ideen führen uns an die Namenssuche heran. Wir brainstormten, wir phantasierten, wir machten Kreativspaziergänge, wir schrieben diverse Flipchartpapiere voll, wir markierten mit Klebepunkte, wir diskutierten und konsensierten. Dann stand der Name fest. Jede und jeder hatte andere Nuancen der Bedeutung für sich gefunden. s c h o l l e 47 – die Scholle hinterm Deich, das Grundstück. s c h o l l e 47 – das neue Quartier, das beackert werden kann. s c h o l l e 47 – Nachhaltigkeit, die die Eisschollen nicht weiter schmelzen lassen. s c h o l l e 47 – frisch wie ein Fisch im Wasser und alle konnten und wollten mit dem Namen leben.
Wir tauchten ein in Gestaltungshandbücher und Bauvorschriften. Wir wurden Bauherrinnen und Bauherren. Wir entwarfen Verträge, schlossen sie. Holzhybrid oder Holz, Keller und Dachterrasse, Grauwasser, Gründach und Photovoltaik, gefaltete Dächer, Barrierefreiheit, KfW-Standard 40+ oder Niedrigenergiehausstandard, Verschattung, Baulasten, Gemeinschaftsfläche, Gestaltungsgremium und Bauanträge waren neue Dinge, mit denen wir uns auseinandersetzten. Mitten in den Planungen grätschte uns Corinna in die Arbeit. Plötzlich tagten wir nicht mehr in den Weserterrassen sondern in Videokonferenzen. Arbeitsgruppen trafen sich in Parzellen mit Abstand. Es gab Geländeinfospazier-gänge mit Interessierten und Nachbarschaftstreffen mit Klappstuhl und Thermoskanne. Plenen mit MundNaseBedeckung, Abstand, Handdesinfektion und Kontaktlisten wurden obligatorisch. Bei einem Arbeitswochenende im Sachsenhain wurde die Einbahnstraßenregelung im Speisesaal und Gruppenarbeit im Freien erprobt.
Mit der Urgruppe waren 7 von bis zu möglichen 14 Wohnungen belegt. So suchten wir für bis zu 7 Wohnungen und davon 2 Wohnungen mit B-Schein-Berechtigung neue Wohnprojektler*innen. Durch die Coronapandemie konnten wir unsere Infoabende nicht wie gewohnt durchführen. Wir starteten mit Baufeldbegehungen auf Abstand und Austausch in zwei Haushalten. Das Interesse war da, aber nur fürs Schnuppern. Dann durften wir die Kulturaula nutzen und unsere Infoabende hatten ihren gewohnten Ablauf. Ein Bericht im Weserkurier, die neue Homepage und weitere Werbung für unser Projekt lockte viele Menschen an. Neue GbR-Aspiranten kamen und schnupperten. „Funkenflüge“ und kritische Gedanken hatten beiden Seiten. Stück für Stück füllte sich die Gruppe. Die Entlastung der rührigen GbR-ler*innen und die Erweiterung der Kompetenzen konnte beginnen.
Wir starteten als Gruppe 55+. Unsere Lebenserfahrung machte uns gelassen und das zeitliche Engagement, das wir investierten, passte in unsere Lebensphase. Unsere Planungen verfolgten und verfolgen noch heute die Idee vom generationenübergreifenden Wohnen. Es gibt in unserer Mitte und im Haus Platz für junge Menschen und Familien mit Kindern, die mit uns Älteren unser Wohnprojekt zusammen gestalten wollen. Dies prägte unsere Entscheidungen und Planungen. Wohnungsschnitte sollten veränderbar sein und eine Teuerungsrate für KG-Anteile wurde ausgeschlossen.
Der Feinschliff der Wohnungsplanung, der Gemeinschaftsräume und -flächen, die Dach- und Fassadengestaltung schritt voran. Loriots Nuancen von Grau wurde zum Running Gag. Die Bilder für die eigene Wohnung samt Nachbarn und auch für das Haus wurden immer konkreter. Die Identifikation war nun komplett. Es ging um unser Haus, unser Werk, unser Zuhause und unsere Zukunft. Der Arbeitsprozess und die Ergebnisse waren eng mit uns verbunden und so vertraten wir unsere Planungen in den entsprechenden Gremien. Der Plan der baldigen Bauantragstellung wurde verfolgt. Anregungen des Gestaltungsgremiums wurden bearbeitet und begründet.
Im ganzen Arbeiten wuchs die Gruppe menschlich immer mehr zusammen. Wir verstanden einander gerade auch in herausfordernden Entscheidungen und Reaktionen einzuordnen. Wir übten uns in einer hilfreichen Streitkultur und waren achtsam miteinander. Privates Miteinander, ob im Geselligen oder auch im Tragen von persönlichen Tiefen und Höhen, hatte seinen Raum und ließ immer wieder ein zukünftiges gemeinschaftliches Leben sichtbar und fühlbar werden.
Ende Februar 2021 unterschrieben wir unseren KG-Vertrag und sind seitdem eine GmbH & Co KG. Genau ein Jahr später gaben wir unseren Bauantrag ab. In den zwei Jahren wuchs die Gruppe um weitere 6 Menschen. Die Arbeiten rund um Finanzierung, Planung, Entscheidung, Gruppenwachstum und vielem mehr konnte somit auf weitere Schultern verteilt werden. Die Vernetzung im Quartier und auch innerhalb der anderen Wohnprojekte der Stadt schritt voran. Wissen und Erfahrungen wurden geteilt und die Expertise wuchs bei allen.
Das Interesse an dem Projekt reißt nicht ab und die Infoabende gehen weiter. Unser bewährter Prozess neue passende Mitprojektler*innen und Kommanditist*innen zu finden hat unsere ganze Aufmerksamkeit. Wenn unser Wachstumsprozess so weitergeht, sind wir in diesem Jahr vollständig.
Im Januar 2023 geht es dann endlich richtig los. Nach einem extrem langwierigen Prozess rund um die Statik wird endlich auf dem Grundstück gebuddelt. Am 17.1. machen wir in kleiner Runde den offiziellen Spatenstich. Innerhalb einer Woche steht UNSER Kran, die Unterfahrt für den Fahrstuhl wird gebaggert, gedämmt und einbetoniert. Ein Minibagger gräbt die Streifenfundamente und die Bewährung findet darin ihren Platz. Gerade noch vor der Bodenplatte legen wir mit ein paar wichtigen Gästen unseren Grundstein für unser Haus. Viel Persönliches und auch Dokumentarisches findet seinen Platz in der Kartusche. Nun geht es Stück für Stück zu unserem Haus.
Unsere große Freude über den Start wird wieder jäh ausgebremst. Die Statik braucht mehr Aufmerksamkeit. Es wird gerechnet und geprüft und erneut gerechnet und umgeplant und wieder geprüft. 18 Monate Baustopp zehren an unseren Nerven. Mit jedem Monat wird es teurer. Angebote verfallen oder müssen nachverhandelt werden. Die Unzufriedenheit mit den Leistungen wächst. Durch die Teuerung wird klar, dass wir weitere Finanzierungsmöglichkeiten brauchen. Wir werben Direktkredite ein. Die Stadt macht uns ein einmaliges Angebot. Im Topf für Wohnungsgenossenschaftförderung ist noch Geld. Wenn wir die Rechtsform wechseln, würden wir eine Förderung erhalten. So oft hatten wir unsere Rechtsform reflektiert. Nun ist es die letzte Möglichkeit unser Haus zu bauen. Viele Parameter verändern sich damit. Viele Grundannahmen für die Einzelnen verwandeln sich. Aber wir wollen dieses Haus bauen und darin gemeinsam leben. So beißen wir in den sehr sauren Apfel und gehen den Weg der Umwandlung.
Ende September 2024 fliegen dann die ersten Wandpakete auf unser Baufeld. Bis zum Jahreswechsel stehen die ersten zwei Geschosse. Jetzt geht es in Siebenmeilenschritten voran.
…die Geschichte wird fortgeführt…
Sanne Müller